Eine Geschichte über das Radio in Deutschland

Dass in den Vereinigten Staaten von Amerika und England produzierte Musik eine höhere Rotation im deutschen Radio hat, als national produzierte Musik ist schon oft wissenschaftlich analysiert und diskutiert worden. Um dies zu bekräftigen werden hierfür mehrere und an unterschiedlichen Stellen wirkende Argumente angeführt. Warum dominieren amerikanische und englische Musikproduktionen im deutschen Radio? Um dies zu verdeutlichen, wird die Entwicklung des deutschen Radios von 1945 bis in die heutige Zeit analysiert, in Zusammenhang mit wirtschaftlichen und politischen Interessen und der Radiokultur. Völlig ausgenommen sind hierbei Aspekte wie Sprache, Qualität und Musikgeschmack.

In der wissenschaftlichen Diskussion, warum in Deutschland produzierte Musik weniger im Radio gespielt wird als amerikanische und britische Musikproduktionen, werden sowohl Argumente aus der Geschichte, Vertretern verschiedener deutscher Verbände, des Radios und der Musikindustrie genannt, die an unterschiedlichen Punkten ansetzen. Gegenstand der jeweiligen Kritik sind dabei sowohl die Einführung des British Broadcasting Corporation (BBC) Radiosystems durch die Alliierten nach 1945, wie vor allem die daraus resultierende geschichtliche Entwicklung. Das heutige Formatradio, Analysen der Musikanteile im Radio und in den Charts bieten Anlass zu kritischen Überlegungen.

Deutsche Radiogeschichte
Es stellt sich die Frage, ab wann sich die amerikanische und britische Musikvorherrschaft im deutschen Radio abzeichnete. Die Alliierten übernahmen die Kontrolle über den deutschen Rundfunk nach ihrem Sieg im Zweiten Weltkrieg. Man entschied sich für das System der BBC. Es war gebührenfinanziert, dezentral organisiert und durch Gremien kontrolliert. In der amerikanisch- englischen Militär- funkorganisation wurde Musik produziert und direkt in Hamburg ausgestrahlt. Einige der bekanntesten Radiosender lauteten BBC und Stimme Amerikas. 1950 schlossen sich die Anstalten zur Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) zusammen. Der bundesdeutsche Hörfunk sollte nicht zu einheitlich werden, sondern öffentlich-rechtlich, föderal und vielfältig. Stattdessen beharrte er konservativ in seinen Strukturen, die Programme veränderten sich kaum. 1964 wird ein neues Hörfunkprogramm Europawelle Saar, eine Musik und Magazinsendung, gesendet. Radio wurde zum Dienstleistungsbetrieb mit kulturellen Aufgaben.
radio
Entwicklung des Radioprogramms in Deutschland
Nach dem Vorbild der BBC begannen in den siebziger Jahren die ARD- Anstalten zusätzliche Pop- und Servicewellen zu senden. Die BBC hatte als erste europäische Anstalt eine Popwelle entworfen, die BBC1. Popkultur, coole Moderationen und die neusten Hits machten den Sender einzigartig und modern. Pioniere waren Bayern 3, Hessischer Rundfunk (HR) 3 und vor allem Südwestfunk (SWF) 3. Die SWF 3 Sendung Pop Shop wurde sehr erfolgreich. Man passte sich den veränderten Hörgewohnheiten an. Populär sein war das neue Schlagwort. 1981 entstand der duale Rundfunk. Es folgte die stärkere Trennung der unterschiedlichen Programme der Öffentlich-Rechtlichen nach Alter und Musikfarbe. Private Sender wiederum erkannten, dass durch die Absenkung des Niveaus die Einschaltquoten und damit auch Werbegelder zu steigern waren. Man adaptierte öffentlich- rechtliche Massenprogramme und amerikanische Formatradios.

Das Radio heute

Das Hörfunkangebot von heute hat sich sehr stark verändert. Bezeichnet wird es als Formatradio. Erste Ansätze zu dem Konzept des Formatradios gab es bereits 1935 in New York. Vor allem private Sender nutzen hauptsächlich ein gängiges Format. Wie auch in Amerika sind in Deutschland die Adult Contemporary (AC) und die Contemporary Hit Radio (CHR) Formate am meisten verbreitet. Um den hohen Musikanteil abdecken zu können, sind Radioprogramme auf vorproduzierte Tonträger angewiesen. In den Abspielkosten sind deshalb auch Beiträge enthalten, die an die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Ver- vielfältigungsrechte (GEMA) und der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungs- schutzrechten (GVL) zu bezahlen sind. Andererseits bieten Radiostationen den Tonträgerunternehmen Sendeplätze an, um ihre Produktionen bekannt zu machen. Eine interessante Entwicklung dabei ist, obwohl die Anzahl der Sender und der Bedarf an Tonträgern deutlich zugenommen hat, dass der Wunsch nach größerer Vielfalt im Musikbereich nicht erfüllt werden konnte. Unter dem kommerziellen Zwang, möglichst große Gewinne aus Werbeumsätze zu erzielen, hat sich vielmehr eine Programmentwicklung hin zu festen Formaten ergeben, die nur die Titel spielen, die in den Charts weit vorne platziert sind. Trotz der Verpflichtung, die Grundversorgung zu sichern, bieten auch sie kaum eine Plattform für neue, kreative Musiktitel und Formen. Es herrscht eine enge Beziehung zwischen Radio und ökonomische Lebensbereiche. Die Hörfunksender brauchen Musik, um die Zuhörer zu erreichen, sie unternehmen aber wenig, neue Musik dem Publikum nahe zu bringen. Erfahrene Chefredakteure behaupten sogar „dass sie um so mehr Erfolg haben, je enger sie ihr Format begrenzen und je weniger Titel sie innerhalb dieses Formats spielen.“ Der Hörfunk ist zu einem Partner der Werbewirtschaft geworden. Derzeit gibt es keinerlei entsprechende staatliche Regularien oder Verordnungen. In Frankreich wurde 1996 eine gesetzliche Quote für nationale Songs im Radio eingeführt. Danach sind Radiostationen dazu verpflichtet, mindestens 40 Prozent des Gesamtprogramms mit französischen Interpreten aus- zufüllen.

Musikanteile im Radio
Im ersten Halbjahr 2003 stammten gerade mal 29 Prozent der Künstler in den Albumcharts aus Deutschland. Die Radiostationen zeigen sich Untersuchungen zu Folge wenig risikobereit und spielen aus wirtschaftlichen Gründen größtenteils Oldies aus den Siebzigern und Achtzigern. Vor 20 Jahren befanden sich in den Archiven der Radiostationen noch 100.000 Titel, dagegen gibt es heute nur noch rund 3000 Titel. Bei den öffentlichen- rechtlichen Sendern gab es im Jahr 2002 nur 14,3 Prozent Neuheiten im Programm, davon waren 12 Prozent deutsche. Bei den privaten Anstalten wurden zwar 17,1 Prozent mehr Neuheiten präsentiert, dafür waren aber auch 0,6 Prozent weniger deutsche Produktionen zu hören. Die besten Sendezeiten werden zu über 90 Prozent von amerikanischen Stars besetzt. Und wenn man sich ganz speziell in Deutschland umsieht, so wäre da noch der Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender zu beachten.
Die Musikindustrie legte 2014 Zahlen vor, die eine eventuelle Trendwende prognostizieren könnten. Nicht einmal zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle waren so viele nationale Produktionen in den Chartplazierungen. 2013 kletterte der Anteil nationaler Produktionen an den von Media Control ermittelten Top 100 Alben- Charts auf einen Anteil von 57,8 Prozent. Eine Entwicklung hin zu nationalen Produktionen spiegelt sich auch in Europa wieder. Länder wie Italien, Schweden und Spanien waren 2012 mit acht, Frankreich mit sechs lokalen Acts in den jeweiligen Top 10 Listen vertreten. Bei den Single-Charts sind die internationalen Künstler erfolgreicher. 54 Prozent der Top 100 Charts im Jahr 2012 waren internationale Produktionen.

Amerikanische und britische Musik dominiert
Trotz des geringfügigen Anstiegs seit 2010 verharren die Zahlen für inländische Unterhaltungs (U) -Musik weiterhin auf niedrigem Niveau, zumal die Statistik auch repetitive Formate enthält, wie zum Beispiel Musik in Werbung, Hintergrundmusiken und Erkennungsmelodien. Der Anteil ausländischer geschützter Musik beträgt im Siebenjahresdurchschnitt 70 Prozent. Dabei ist der Anteil des inländischen geschützten Repertoires im Bereich der E-Musik im Zeitraum 2005 bis 2011 sogar um über die Hälfte zurückgegangen. Auch die Konstellation des ausländischen U-Musik-Repertoires sollte man näher betrachten: Amerikanische Musik dominiert, gefolgt von britischer. Deutsche Radiosender werden ’’von der Übermacht amerikanischer und britischer Produktionen erdrückt.” Die Chancen für Musik, die in anderen europäischen Mitgliedstaaten produziert wurde, in Deutschland gesendet zu werden, sind sehr gering. Das Zusammenwachsen Europas findet im Hörfunk jedenfalls musikalisch gesehen nicht statt. Ein weiteres Ergebnis der European music office (EMO) Studie ist, dass in keinem der sechs näher untersuchten Länder der Anteil des nationalen U-Musik- Repertoires im Rundfunk derart gering und die Dominanz des angloamerikanischen Repertoires so erdrückend ausfallen wie in Deutschland.

Schlussfolgerung
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Anteil deutscher Produktionen im Radio im Vergleich zu amerikanischen und britischen Produktionen immer noch sehr gering. Die Argumente, die gegen diese Position sprechen, konnten durch in der Sache gewichtigere Aspekte entkräftet oder widerlegt werden. Dies trifft sowohl auf die Thesen, die aufgrund der Verwendung geschichtlicher Ereignisse entwickelt wurden, als auch auf die Thesen, die aufgrund wirtschaftlicher Interessen, Radioprogrammentwicklung und die Sendezahlen, zu. Nach dem Krieg prägten Amerikaner und Engländer die deutsche Radiolandschaft, sowohl im Aufbau als auch im Inhalt. Das Radio tat sich schon immer schwer, Neues auszuprobieren aus Angst Werbepartner und Zuhörer zu verlieren. Bis heute richtet sich das deutsche Radio bewusst oder unbewusst immer noch nach amerikanischen und englischen Vorbildern, wobei man schon sagen kann, dass Deutschland hinterher läuft.
Daher spricht wenig dafür, dass sich in Zukunft an diesem Zustand etwas ändern wird, da es in erster Linie nicht darum geht, nationale Musik zu fördern und diese durch das Radio dem Zuhörer nahe zu bringen, sondern vielmehr um wirtschaftliche Interessen seitens des Radios oder der internationalen Musikindustrie. Solange sich nichts an dieser Haltung ändert, wird es schwierig sein, als Produzent in Deutschland anerkannt zu werden und damit genügend Geld zu verdienen. Auch wenn es einigen deutschen Produktionen gelungen ist, im Vergleich ist es immer noch sehr wenig. Der Mehrheit bleibt diese Tür verschlossen. Dies konnte durch Zahlen und Statistiken der Musikindustrie und Verbände belegt werden.
Das Radio trägt erheblich zur kulturellen Identität der Bürgerinnen und Bürger bei. Durch Wort- und Musikbeiträge aus dem lokalen Radio fühlen sie sich in ihrem Land verankert. Die Unterstützung junger Komponisten, Musiker, Textdichter, Produzenten und Interpreten aus Deutschland im Rundfunk stärkt die Existenz der Kreativen und aus dem ideellen und wirtschaftlichen Blickwinkel den Kulturstandort Deutschland.
el gringocholo

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